MEINE HAUT
Text von Manuel Ströhlin zum Projekt MEINE HAUT, 2022

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MEINE HAUT

Auf einem Palimpsest ist eine ursprüngliche Handschrift von anderen Händen vielfach überschrieben und unter diesen Schichten nahezu unkenntlich geworden. Der Eingriff in die physische Integrität eines originären Werks macht es aufnahmebereit für weitere Bearbeitungen, andere Autorschaften, Intentionen und Bedeutungen. 
Einem Palimpsest ähnlich ist in der Installation MEINE HAUT ein von Eva Schmeckenbecher aus unzähligen manuell abgeschälten hauchdünnen Photohäuten zusammengeklebtes Objekt während des Ausstellungszeitraums für mannigfache De- und Neuformationen durch die Besucher freigegeben. Eine zweite Haut aus Nahaufnahmen ihrer eigenen, wie diese fragil und verwundbar, gelöst vom Körper ein für vieles verwendbares Ding.

Die Stadien der Veränderung wurden in Abständen dokumentiert und die Photos chronologisch an der Wand aufgereiht. Dass diese Information jedem Besucher der Ausstellung zur Verfügung stand, ist wesentlicher Bestandteil der Arbeit: sie enthält dadurch das implizite Angebot, ebenfalls vom Betrachter zum physischen Akteur zu werden. Das weiterhin mögliche Verharren in der Betrachterdistanz wird dadurch von einer musealen Selbstverständlichkeit zu einer alternativen Wahl. Diese während der gesamten Ausstellung aufeinander abfolgenden und materiell anschließenden alternativen Entscheidungen, sich so oder anders zu dem von der Künstlerin dort hingestellten Objekt zu verhalten, lässt den Besucher, wie auch immer, zum aktiven Teilnehmer an einem Prozess werden, zum Interakteur und Mitproduzenten des Werks. Nicht das Objekt ist das Werk. Die Zeit der Ausstellung ist zugleich die Zeit, in der das Werk entsteht. Die persönliche Handschrift der Künstlerin ist unwiederbringlich überschrieben. Ihre HAUT ist, wie die Haut eines alten Pergaments, zum Trägermaterial anderer „Handschriften" geworden. Es gibt kein Zurück zum ursprünglichen Objekt. Auch dessen die Ausstellung abschließende „Reparatur“ speichert unausweichlich den Prozess, den sie beendet. Und sie zeigt das.

Der Titel dieser Arbeit ist nicht einfach HAUT. Er ist MEINE HAUT. Damit macht Eva Schmeckenbecher noch einmal jedem klar, was er da sieht. Wen er da sieht. Noch in keiner anderen Arbeit ließ die Künstlerin die Betrachter sich so dicht zu Leibe rücken. Dass in der künstlerischen Arbeit immer ein Mensch sein Inneres nach Außen wendet, seine Haut zu Markte trägt, wird hier unübersehbar und damit thematisch. Wer sich zum Werk verhält, verhält sich indirekt auch zu der Person, die sich in ihr äußert und gewissermaßen entäußert. Je mehr das Werk sich dem Gegenüber aussetzt, desto mehr wird es ihm zum bildlichen Repräsentanten des Künstlers.

Zugleich eröffnet MEINE HAUT die Möglichkeit der physischen Aneignung, in welcher der Titel auch dem Rezipienten zur temporären Selbstaussage angeboten wird. Indem er sich in sie hüllt, sie überstreift oder sie verletzt, sagt er: MEINE HAUT. Und für diesen Moment ist sie es, im Medium der Kunst. Dafür ist keinerlei Kenntnis der Person der Künstlerin, ihrer Gedanken und Motive oder irgendwelcher Aspekte ihres Lebens erforderlich. All dies verschwindet in der Objektivität des Werks – als der Objektwerdung eines Prozesses mit einer Vielzahl agierender Subjekte. Die Kommunikation zwischen Künstler und Rezipient verläuft einzig über das Werk (als aktivierendes Objekt) bzw. im Werk (als unkontrollierbarem Prozess). 

Die von Eva Schmeckenbecher gewählte „Gebrauchsanleitung" der Installation reflektiert als Entwurf einer Versuchsanordnung die darin sich vollziehende Aushebelung der All-Autorschaft des einen autonomen, selbst-expressiven schöpferischen Subjekts. MEINE HAUT – paradoxerweise ist gerade diese Arbeit, in der die Selbstpreisgabe der Künstlerin in der hautnahen photographischen Abbildung so bildfüllend vor Augen steht, zugleich auch diejenige, die das Werk am gründlichsten davon befreit, Ausdruck der Künstlerpersönlichkeit zu sein. Die Authentizität der Künstlerin tritt  – fast – ganz zurück hinter die Autonomie des interaktiven Werks, in dem „Künstler“ und „Rezipient“ nur noch die unterschiedlichen Rollen innerhalb eines Prozesses des Miteinander-Wirkens vieler einander unbekannt bleibender Mitwirkender beschreiben.

Abb.: MEINE HAUT, 2022, Detail