IM GESPRÄCH
Ausschnitte aus einem Interview von Misal Adnan Yildiz, ehem. Leiter Künstlerhaus Stuttgart, mit Eva Schmeckenbecher in: Stadt Nürtingen u. Kunstverein Nürtingen (Hg.): SIEHE INNEN / SEE INSIDE,  Nürtingen 2014

> EN

MISAL ADNAN YILDIZ: Wie würdest du deine Arbeit beschreiben, insbesondere für diejenigen, die mit Kunst weniger zu tun haben: Bist du eine Fotografin oder eine Künstlerin, die mit fotografischen Bildern arbeitet?

EVA SCHMECKENBECHER: Fotografie ist für mich Thema, Motiv, Medium und Material. Aber ich sehe mich nicht als Fotografin. Ja, ich mache Handlungen an oder mit Bildern.


MAY: „Edgar“ ist wie ein gewaltsames Gedicht: ein Porträtfoto eines Mannes, das in verschiedene Formen der Malerei transformiert wird. Die malerische Intervention deformiert dabei die Gesichtszüge, wodurch einige charakteristische Merkmale seines Gesichts durch Elemente der Fantasie und des Unterbewussten ersetzt werden. Kannst du uns etwas zu der Arbeit „Edgar“ sagen? Gibt es eine Verbindung zur künstlerischen Tradition des Porträts in der modernen Kunst?

ES: Das Bild von Edgar war in Briefmarkengröße Teil einer Gästeliste für ein Familienfest, zu dessen Zeitpunkt er bereits verstorben war. Das Bild berührte mich und löste Erinnerungen in mir aus. Mir gefiel der spöttische Ausdruck des Gesichts. Vielleicht ärgerte mich der auch. Weitere mögliche Facetten von Edgar fielen mir ein, und ich bekam große Lust, es zu überarbeiten, immer wieder. … Ich überlege gerade, ob das mit dem Voodoo-Kult oder mit Fetischismus vergleichbar sein könnte. Denn ich bemächtige mich gewissermaßen des Fotos, das die abgebildete Person repräsentiert und ersetzt. Ich habe viele verschiedene Schichten und Spuren über das immer gleiche Bild von ihm gelegt und trage im Video einen dicken Stapel dieser Blätter ab. Es geht mir dabei um das Komplexe und Wandelbare dieser Person – und um mein ebenso vielschichtiges und widersprüchliches Verhältnis zu ihr. Insofern passt das wohl zur zeitgenössischen Auffassung von Porträt.


MAY: Ich weiß, dass du auch mit unterschiedlichen Installationstechniken arbeitest… wann werden fotografische Bilder eine Installation? Kannst du über diesen Prozess anhand von Beispielen deiner Arbeit sprechen?


ES: Im Arbeitsraum sehe ich mich einer chaotischen Fülle von Fotoabzügen, Zeichnungen, Schwarzweißkopien, Skizzen, Bildfragmenten etc. mit verschiedenen Motiven gegenüber. Der Versuch, sie zu sortieren, eine Auswahl aus ihnen zu treffen und mit ihnen zu arbeiten, ist ein anstrengender, lustvoller und verzweifelter Kampf. Ich kämpfe dabei gegen ihre suggestive Kraft, mit der sie verwirren, verführen, ablenken, prägen, erstaunen, informieren, Gefühle auslösen, etwas behaupten, verdecken oder offenbaren. Bei einer großen Fotoplane zum Beispiel war es so: nach vielen Versuchen, diese Bilder aus meinem Fundus in den Griff zu bekommen, habe ich sie schließlich grob mit Klebebändern wie zu einem Flickenteppich aneinander montiert. Die Plane ist dabei mehr eine Art Objekt mit Raumbezug geworden als ein flaches Bild. Manches ist entstanden als Nebenergebnis des Versuchs Ordnung zu machen.

MAY: Wie siehst du die sich wandelnde Position des Publikums vom Empfänger hin zum Darsteller? Ist das ein Punkt, der dich ebenso interessiert?


ES: Ja, dieser Aspekt interessiert mich, da gibt es mehrere Beispiele. Bei meiner Installation für die Ausstellung „RE-CONVERSION“ im April 2013 im AK2 habe ich Abbilder des Raumes mit dem Raum selbst vernetzt. Winfried Stürzl hat es besser ausgedrückt als ich es selbst könnte: „Wenn man sich in der eigentümlichen Verschränkung von Raumwirklichkeit und Bildrealität hin und her bewegt und dabei zugleich das eigene Erleben und Assoziieren mit in den Blick nimmt, wird man immer mehr zum aktiven ,Mittäter‘ im ästhetischen Raum.“ Für ihn ging es um „die Frage nach der immer wieder neu zu bestimmenden individuellen Position im Prozess des Wahrnehmens“. 

MAY: Wann beginnst du eine neue Produktion – oder anders gefragt: wie findet eine künstlerische Idee zu dir?


ES: Das kann unterwegs, im Bett oder beim Aufräumen und Materialsichten sein. Es beginnt mit Wahrnehmungen, die zunächst intuitiv meine Aufmerksamkeit erregen. Und in Gesprächen. Irgendwann bemerke ich dann, dass etwas im Entstehen ist.