ALEXANDRA WENDORF, Chefredakteurin barton Zeitungsmagazin:
CUT: WENN LEERE ERZÄHLT. Eva Schmeckenbecher zeigt das Nicht Sichtbare, in: Junge Kunst #73, Heft Nr. 04 / 2007

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Abb.: WINDRICHTUNGEN, 2004, Fotos, gehäutet, auf Aluminium, je 50 x 75 cm

Eva Schmeckenbecher schneidet mit einem Cutter-Messer aus Fotografien das Dargestellte heraus. Was bleibt, ist der so durch die Umgebung entstandene Umriss. Es sind die Leerräume, die Fehlstellen, die in ihren Fotografien das Wesentliche zeigen. Wie bei einem Scherenschnitt kann der Betrachter nur aus der Silhouette auf das Motiv schließen und es bleibt der Reiz des Unvollständigen und Fehlenden. In der Serie „Windrichtungen“ hat sich die Künstlerin sozusagen aus dem Bild entfernt; die Geschichte wird nur durch die Landschaft und den Umriss ihres wehenden Haares erzählt: Als Beitrag zur Land-Art hatte sich Schmeckenbecher jeweils in die vier Windrichtungen gestellt und als Synonym für diese mit dem entsprechend in unterschiedliche Richtungen wehenden Haaren dokumentiert.


WAS BLEIBT IST LEERE

In der Serie „Memories“ werden ebenfalls Menschen aus den Darstellungen entfernt. Es handelt sich um Ferienbilder eines Familienurlaubs: Personen sitzen am Strand, einige spielen Ball, schwimmen im Wasser. Doch immer wieder sind einige der Personen ausgeschnitten, so dass Lücken in der Erzählung entstehen. Was bleibt, sind faserige weiße Stellen, die unter der Emulsionsschicht der Fotografien nach dem Cutten zum Vorschein treten. „Häuten“ hat Schmeckenbecher diesen Vorgang einmal genannt; sie reißt Wunden in das Bild, aber nicht um es zu zerstören, sondern den Blick auf die dahinterliegende Ebene zu lenken. Unweigerlich entstehen Fragen, wer diese ausgeschnittenen Menschen sind und warum sie fehlen. Man kennt Fotografien, aus denen eine unliebsame Person entfernt worden ist, oder Retuschen vorgenommen wurden, um geschichtliche Zusammenhänge zu verfälschen. Warum? Hinter jeder gelöschten Darstellung scheint sich eine Erinnerung, eine Information zu verbergen. Der Prozess des Erinnerns und des Wahrnehmens wird durch das Fehlen der Information fokussiert. „Ich möchte das Medium Fotografie als scheinbar glaubwürdiges Dokument ad absurdum führen und das Abgebildete befragen, interpretieren, aktualisieren, mich ihm wieder annähern“, wird die Künstlerin zitiert.


FRAGE NACH DER WIRKLICHKEIT

Oft ist das Nichtgesagte vielsagender als das Gesagte; ähnlich verhält es sich in den Fotoarbeiten von Schmeckenbecher: Das Entfernen von Bildinhalten wirft den Betrachter auf seine Assoziationsfähigkeit und Erfahrung zurück. Aber es werden zugleich auch Projektionsflächen für Ängste und Irritationen geschaffen. Was ist Wirklichkeit? Das, was wir sehen, aufgrund unserer Erfahrung erkennen und entsprechend zu- und einordnen können? Gerade das Medium Fotografie erweckt den Anschein, die Wirklichkeit unmittelbar wiederzugeben. Erinnerungsfotos, Schnappschüsse zeigen, wie es wirklich war, wie es ist. Oftmals dienen sie als Beweismaterial schlechthin, weil sie so authentisch sind. Wirklich? Der Eingriff mit dem Cutter, die Beschädigung der Oberfläche enthebt das Medium von diesen Erwartungen und lässt es zu einem Bild mit deutlich erkennbaren Eingriffen des Künstlers werden. Indem das Individuum gelöscht und der originäre Kontext aufgehoben wird, ist das gewohnt Gültige in Frage gestellt worden. In die Lücken fügen sich die Vorstellungen des Betrachters.